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Der Therapeium-Blog

Mit unserem Blog möchten wir Sie über aktuelle Forschung aus den Bereichen Natur- und Kulturheilkunde sowie über Veranstaltungen im Therapeium Berlin informieren.

13.06.17 Themengebiete: Schmerzen

Die Zukunft des Schmerzes – Gespräch mit Roland Benedikter

Wie ist unser Verhältnis zum Schmerz und wie verändert es sich? Über diese und andere Fragen spricht der Soziologe und Transhumanismus-Experte Roland Benedikter im Interview.

Beim 1. Symposium für Kulturheilkunde an der Dresden International University Symposium Kulturheilkunde: DIU – Dresden International University am 2. Juni 2017 unter Leitung von Professor Hartmut Schröder ging es um die Frage der Zukunft des Schmerzes. Wie kann man ihn besser in den Griff kriegen? Und welcher Kulturwandel vollzieht sich mit den neuen Ansätzen? Hier ist es durch die bahnbrechenden pharmakologischen und medizintechnischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu einer neuen Beziehung zwischen dem Individuum „Mensch“ und dem Gesamtsystem von Medizin und Medizintechnik gekommen. Technologische Innovationen haben die Grenzen des Machbaren immer mehr verschoben – und den Menschen zunehmend zu einem Objekt an der Schnittstelle von Pharmakologie, Informatik sowie Nano- und Gentechnologie gemacht. Stichworte wie Transhumanismus, Mensch 2.0 und „Verbesserung des Menschen“ (human enhancement) sind bereits eng mit konkreten Entwicklungen in der gegenwärtigen Schmerzmedizin und im Gesundheitssystem verbunden. Was wird in Zukunft aus dem Schmerz werden? Tanja Matthes (DIU) traf Dr. Roland Benedikter zum Gespräch.

In Ihrem Referat „Transhumanismus und Medizin – Mensch 2.0 und Körper 2.0 ohne Schmerzen?“ schilderten Sie die neuen Entwicklungen. Was geschieht heute in der Schmerzmedizin?

Die technologische Ausweitung der Lebensspanne und die neuronale Beeinflussbarkeit der inneren Wahrnehmung – etwa mittels Gehirnimplantaten und genaueren, „gelenkten“ Medikamenten sowie in absehbarer Zeit auch Nanotechnologie – sind Neuerungen, die im Zentrum des Interesses stehen. Damit ist nicht nur die Hoffnung auf sehr langes, sondern auch schmerzfreies Leben verbunden.

Sie sprechen für die avantgardistischen Entwicklungen der Gegenwart von „Transformationsmedizin“?

Ja, wir befinden uns am Beginn des Zeitalters der Transformationsmedizin. Transformationsmedizin heißt: Vom bisherigen Heilen des kranken Körpers (healing) zum Verbessern des gesunden Körpers (enhancement). Der gesamte Körper soll „verwandelt“ oder gar „verbessert“ werden, auch in seinen gesunden Teilen, damit der Schmerz aufhört. Der ganze Mensch soll physiologisch mittels Technologie modifiziert werden, um das Problem zu lösen. Diese Idee ist Teil der heute um sich greifenden Ideologie des „Transhumanismus“. Transhumanismus heißt: „mit Technik über den bisherigen Menschen hinausgehen“. Die Transformationsmedizin, die das propagiert, ist Teil der Transformationstechnologie, die mittlerweile alle Bereiche unser Leben durchdringt – und in ihrer Gesamtwirkung bereits wichtiger als herkömmliche Politik und Wirtschaft ist.

Was ist die Zukunft des Schmerzes?

Der Schmerz soll „transhumanistisch“ einerseits durch die technologische Umrüstung des Menschen völlig abgeschafft werden. Andererseits wird er – paradoxerweise – eben durch die technischen Neuerungen der Medizin zum Luxus, auf den man nicht verzichten kann. Denken Sie etwa an die neuen, erst kürzlich patentierten Prothesen, die „fühlen“ können. Schmerzempfindung wird hier geradezu zum Desiderat, um mit der Prothese natürlichen Gliedmaßen möglichst nahe zu kommen.

Schmerz als „feature“…

Ja, Schmerzen künftig als Wahrnehmungsorgane und gewissermaßen als Luxus in ausgewählten Erfahrungsbereichen. Schmerz als Vermittler zum Realen. Schmerz als Ich-Instrument.

Zusammengefasst heißt das doch nichts anderes als: Unser Verhältnis zum Schmerz wird paradox. Wir wollen ihn abschaffen, und wir brauchen ihn.

Genau. Wir stehen künftig in einer Paradoxie, die für unseren Bezug zum Schmerz charakteristisch sein wird. Die große Bewegung ist: Schmerz soll „aufgehoben“ werden. Das hat schon im Wort „aufheben“ eine Doppelbedeutung – ganz im Hegelschen Sinne. Einerseits soll Schmerz als Wahrnehmungselement mit hohem kognitiven Wert kultiviert werden, also „aufgehoben“ werden im Sinn von „aufbewahrt“ für bestimmte Zwecke. Zugleich soll er möglichst völlig „aufgehoben“ werden im Sinn von „verschwinden“, nicht mehr sein.

Und das bedeutet?

Sollte der Transhumanismus weiter voranschreiten, was wahrscheinlich ist, wird diese Paradoxie in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen: Die positive Neubewertung des Schmerzes gleichzeitig mit seinem völligen Aufhebungsversuch – womit, in der Gleichzeitigkeit von beiden, möglicherweise auch eine „Hebung“ des Gesamtphänomens Schmerz auf eine höhere Stufe gemeint ist. Damit verbunden ist eine Umwertung aller Werte. Eine Neu-„Kultivierung“, wenn Sie so wollen.

Schmerz wird zum Kulturelement?

Ja. Das ist an sich schon eine Paradoxie. Damit ist die Zukunft des Schmerzes gut charakterisiert. Ein Beispiel, wie sich dieser kulturelle Wandel vollzieht, war die von der ETH Zürich veranstaltete 1. Cyborg-Olympiade (Cybathlon) in der Swiss Arena im Schweizerischen Kloten am 8. Oktober 2016 http://www.cybathlon.ethz.ch/media/video-gallery.html. Sie wurde in Deutschland viel zu wenig beachtet.

Wir sind insgesamt also am Beginn des Zeitalters einer Transformationsmedizin, womit sich der Kulturbegriff ändert – sowohl hinsichtlich Medizin wie Schmerz.

Richtig. Das Zeitalter der technoiden Transformationsmedizin ist, realistisch besehen, durchaus ein Zeitalter der Kulturmedizin. Aber der Begriff der Kultur ändert sich: er wird immer mehr gleichbedeutend mit „hypertechnologischer Medizin“ oder Mensch-Maschine-Konvergenzmedizin. Die Medizin steht in einem kulturellen Wandel, weil sich das Paradigma der Kultur durch die Technisierung ändert. Der Kulturbegriff wird zunehmend mit dem Technikbegriff gleichgesetzt, teilweise auch durch ihn ersetzt: sowohl hinsichtlich Medizin wie Schmerz. Und dabei verändert sich auch das Bild des Menschen – als dem Zentrum von beidem.

Schmerz = Ende = Notwendigkeit. Wird mit der einen Seite dieser Gleichung: mit dem Ende des Schmerzes nicht eigentlich das Ende des Körpers herbeigesehnt?

Transhumanistisch schon. Technik soll zur Überwindung aller Schmerzen dienen – inklusive des Schmerzes des Daseins, wie es der Philosoph Jean-Francois Lyotard einmal ausdrückte. Denn bewusstes Dasein in Endlichkeit wird vom Transhumanismus als der Schmerz an sich: als das Unerträgliche an der conditio humana verstanden. Hier ereignet sich heute sowohl in Praxis wie Selbstverständnis der Medizin eine Wende, deren Ausmaß wir noch gar nicht absehen können. Transformationsmedizin will über den Schmerz – sowohl situativ wie universal verstanden – hinaus mittels eines Hinaus über den Körper an sich. Denn Körper ist letztlich Schmerz – jedenfalls aus transhumanistischer Sicht, die sich immer weiter ausbreitet.

Finden Sie das gut?

Wir werden sehen. Es ist eine Entwicklung absehbar, innerhalb derer praktisch alle Bereiche der Gesellschaft durch den Dialog zwischen dem bisherigen Humanismus und dem technoiden Transhumanismus bestimmt sein werden. Das betrifft auch den Kern der Medizin. Die Frage ist einerseits, ob und wenn ja welche Argumente die bisherige Kulturmedizin der Technisierung von Mensch und Medizin entgegenstellen soll. Und andererseits, wie Kultur- und Integrationsmedizin sinnvoll am vor uns liegenden Gesamtprozess des Zusammenwachsens von Technik, Medizin und Mensch teilnehmen kann. In einigen Bereichen gilt es durchaus Widerstand zu leisten. Nicht nur gegen zu schnelle und zu unbewusste Entwicklung. Auch im Grundsätzlichen. Und an anderen Aspekten gilt es aktiver als bisher teilzuhaben.

Interview: Tanja Matthes

Foto: © blackday – Fotolia.com

Roland Benedikter, Dr. Dr. Dr., geboren 1965, ist Forschungsprofessor für Multidisziplinäre Politikanalyse in residence am Willy Brandt Zentrum der Universität Breslau, Global Futures Scholar an der Europäischen Akademie Bozen und Affiliate Scholar am Institute for Ethics and Emerging Technologies Hartford, Connecticut. 2012 Klaus Reichert Preis für Medizinphilosophie der Universität Karlsruhe.

 

 

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