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Der Therapeium-Blog

Mit unserem Blog möchten wir Sie über aktuelle Forschung aus den Bereichen Natur- und Kulturheilkunde sowie über Veranstaltungen im Therapeium Berlin informieren.

03.08.22 Themengebiete: Entspannung, Meditation, Mutter-Kind-Beziehung, Schlaflieder, Stress

Schlaflied-Interventionen: Sind Angst, Stress und pränatale Bindungsstörungen durch Schlaflieder behandelbar?

Schlaflieder verbinden wir allgemein mit der Kindheit. Jeder kennt das ein oder andere Schlaflied, welches wir vorgesungen bekommen haben oder beispielsweise selbst als Einschlaf-Hilfe für die eigenen Kinder nutzen. Wenn der Mond aufgegangen ist und X Sternlein stehen wie die zwei Schuhe vor dem Bettchen, dann fällt das Kind dank des Sandmannes in den Schlaf; denn das Vorsingen von Schlafliedern lässt das Kind zur Ruhe kommen. Das zwischenmenschliche Miteinander beim Singen vermittelt Sicherheit und Geborgenheit. Die positive Wirkung des Vorsingens von Schlafliedern ist jedoch nicht nur auf Kinder begrenzt, sondern kann sogar als integrative Intervention einen medizinisch-psychologischen Nutzen bei Erwachsenen haben. 

Schlaflieder sind ein kulturübergreifendes Gut und stellen eine kulturelle Praktik dar. Sie können aber in Bezug auf ihren Inhalt stark variieren. Die Existenz von Schlafliedern kann bereits vor 4000 Jahren im alten Babylonien nachgewiesen werden. Betrachtet man deren Inhalt, so sind Schlaflieder nicht immer so liebevoll wie man im Allgemeinen annehmen würde. Sie gleichen den Geschichten rund um Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Richard Dumbrill, ein Experte für Musikgeschichte des Britischen Museums in London, berichtet vom Inhalt eines Babylonischen Schlafliedes: so wurde dem Kind vorgesungen, dass sein Schreien einen Dämonen aufgeweckt hat und wenn es nicht ruhig ist, dann wird der Dämon es fressen. Einen ähnlichen Inhalt hat auch ein Schlaflied, welches im Westen Kenias bekannt sein soll. Dort wird laut Dumbrill dem Kind vorgesungen, dass es von einer Hyäne gefressen wird, wenn es schreit. Laut Zoe Palmer, Mitwirkende des Schlaflied-Projekts des Royal London Hospitals im Jahr 2013, haben Schlaflieder auch erzieherische Inhalte und können Ratschläge oder Geschichten über das eigene Land beinhalten. Kulturübergreifend hat das Vorsingen von Schlafliedern jedoch neben der inhaltlichen Dimension der Worte einen friedlich-rhythmischen Charakter, in denen sich auch die Worte immer wieder wiederholen.

Trotz der eher ungewohnten Inhalte so mancher Schlaflieder, kann generell gesagt werden, dass deren Funktion darin besteht, auf Kinder beruhigend und tröstend einzuwirken sowie die Harmonie und die Bindung zwischen der Bezugsperson und dem Kind zu fördern. Die Berührung und der physische Kontakt fördern dabei auch die emotionale Nähe zwischen der Bezugsperson und dem Kind, was die Basis einer gesunden Beziehung und eines emotionalen Wohlbefindens darstellt.

Eine aktuelle randomisierte kontrollierte Studie von Nazli Baltaci und Mürüvvet Başer, die in der perinatologischen Abteilung einer Entbindungsklinik in der Türkei durchgeführt wurde, beschäftigte sich nun mit der Wirkung von Schlaflied-Interventionen auf das Wohlbefinden werdender Mütter bei einer Risikoschwangerschaft. Aus früheren Studien war bekannt, dass das Hören von Schlafliedern bei schwangeren Frauen Angst und Stress reduziert sowie die pränatale Bindung zwischen Mutter und Kind stärkt. Die Studie widmete sich speziell der Wirkung von Schlaflied-Interventionen während Risikoschwangerschaften, was bis zu dem Zeitpunkt der Durchführung dieser Studie noch nicht untersucht worden war. Eine Risikoschwangerschaft ist für werdende Mütter aufgrund der Unsicherheit und der Gefahr von gesundheitlichen Komplikationen von Angst und Stress geprägt. Hinzu kommt eine schwache pränatale Mutter-Kind-Bindung durch den potenziellen Verlust des Kindes.

An der Studie nahmen insgesamt 76 Frauen teil. Den Frauen der Interventionsgruppe wurde einmal täglich 20 Minuten lang Schlaflieder vorgespielt, während sie dabei ihren Bauch berührten und an das Baby dachten. Die ausgewählten Lieder waren in der türkischen Kultur allgemein bekannt und konzentrierten sich auch vom Inhalt her auf die Förderung positiver Gefühle. Bei der Kontrollgruppe wurde diese Intervention nicht durchgeführt. Die anschließende Befragung aller Probandinnen ergab, dass sich bereits nach dem zweiten Tag durch die Schlaflied-Intervention sowohl die Angst der werdenden Mütter verringerte als auch die pränatale Bindung stärker wurde.  Aus diesem Grund empfehlen die Verantwortlichen der Studie den Einsatz dieser nicht-pharmakologischen und zeiteffizienten Intervention bei der Versorgung von schwangeren Frauen.

Schlaflied-Interventionen stellen eine Integration von bereits seit Jahrtausenden genutzten sozio-kulturellen Bewältigungsstrategien in den medizinischen Alltag dar. Sie können als Teil der Kulturheilkunde beschrieben werden, die den Fokus auch verstärkt auf solche bereits vorhandenen Umgangsformen lenkt.

 

Quellen:

The universal language of lullabies By Nina Perry: https://www.bbc.com/news/magazine-21035103

Baltacı N, Başer M. The Effect of Lullaby Intervention on Anxiety and Prenatal Attachment in Women with High-Risk Pregnancy: A Randomized Controlled Study. Complement Med Res. 2022;29(2):127-135. English. doi: 10.1159/000520139. Epub 2021 Nov 24. PMID: 34818646.

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